Der beliebte Gauklertrick:

Die Globalisierung macht die Produkte billiger!

von Manfred Julius Müller

 

 

Um den Zollabbau und den damit verbundenen globalen Dumpingwettbewerb zu rechtfertigen, wird von Politikern und Medien gerne auf die billigen Importe verwiesen, die dem Verbraucher dank Globalisierung das Leben erleichtern. "Ohne billige Importe könnte der Normalverdiener gar nicht mehr existieren - erst die aus den Billiglohnländern eingeführten Waren sichern seinen hohen Lebensstandard".

Derlei Behauptungen sind an Hinterlist und Tücke kaum noch zu übertreffen! Denn entscheidend ist schließlich nicht, wie sich die Preise der Fernseher oder Schuhe in den letzten Jahrzehnten entwickelt haben - entscheidend ist allein die Veränderung der Kaufkraft, also die Entwicklung von Arbeitseinkommen und Lebenshaltungskosten.

Es spielt für sich genommen keine große Rolle, ob die Preise für Konsumgüter sich nach oben oder unten bewegen. Denn was nützen sinkende Preise, wenn gleichzeitig auch die inflationsbereinigten Nettolöhne abrutschen.

Der einzig wirklich relevante Maßstab ist daher die Entwicklung der Kaufkraft bzw. der realen Nettolöhne. Und die haben sich leider in den letzten 30 Jahren kontinuierlich nach unten bewegt. Zwar muss der Mensch heute für den Erwerb eines Fernsehers kürzer arbeiten als früher - aber dieses Plus setzt er bei anderen Waren und Dienstleistungen wieder zu.

Dass die Fernseher für sich genommen billiger geworden sind ist nicht die unmittelbare Folge der Produktionsauslagerung ins Niedriglohnland - denn als derlei Geräte noch in Deutschland produziert wurden, gab es gleichfalls dank steigender Produktivität vor allem bei technischen Produkten einen steten Preisrutsch.
Zwar würden im Inland hergestellte Fernseher und Textilien heute teurer kommen als importierte Ware - aber das wäre nicht entscheidend, weil in einem intakten Binnenmarkt schließlich auch die Arbeitseinkommen parallel zum Produktivitätsanstieg anziehen würden.

Wir reden hier nicht von abstrakter Theorie, sondern von nachprüfbaren Erfahrungen aus der Vergangenheit. In einem normalen (vom globalen Dumpingwettbewerb geschützten) Markt verdoppeln sich die realen Erwerbseinkommen (also der Wohlstand) etwa alle 25 Jahre.
An diesem systembedingten Fortschritt haben auch die üblichen Begleitumstände des wachsenden Wohlstands (demografische Entwicklung, medizinischer Fortschritt) in der Vergangenheit nichts zu ändern vermocht.

Trotz zweier verheerender Weltkriege, Reperationszahlungen, Hyperinflation, Weltwirtschaftskrise und zweier Währungsreformen hat sich der Wohlstand von 1900 bis 1980 in Deutschland mindestens verfünffacht. Erst mit dem Abbau der Zölle Ende der 1970er Jahre und dem Beginn der Globalisierung gibt es diese natürliche Wohlstandsmehrung nicht mehr, seit dem Umschalten des normalen Welthandels auf den globalen Dumpingwettbewerb geht es nur noch bergab.

Hinter der Behauptung, die deutsche Bevölkerung profitiere von den Billigimporten, steckt mehr als Augenwischerei: es ist die pure Volksverdummung!
Hätten wir noch die Zollgrenzen wie sie 1980 existierten, wäre der allgemeine Wohlstand in etwa doppelt so hoch wie er heute ist - selbst für den Erwerb eines Fernsehers und im eigenen Land hergestellte Textilien müsste man kürzer arbeiten - also selbst bei diesen Paradebeispielen stimmt die Billigtheorie nicht.

Wer als Politiker oder Journalist behauptet, die deutschen Verbraucher profitieren von den Billigimporten, hat entweder keine Ahnung oder täuscht ganz bewusst die Bevölkerung.

Wo bleibt da die Logik - Niedriglöhne sorgen doch nun wirklich für günstige Preise...
Nun werden sich manche fragen, wie so etwas angehen kann. Es klingt doch mehr als einleuchtend, dass Verbraucher einen Vorteil aus den Dumpinglöhnen in Fernost ziehen können.
Doch leider wird dieser offensichtliche Nutzen auf andere Art mehr als aufgezehrt:

1. Viele Produzenten verdienen sich durch die Billigproduktion eine goldene Nase.
Die Verkaufspreise in Deutschland richten sich leider selten nach den Gestehungskosten sondern eher danach, zu welchem Preis man die Ware hierzulande losschlagen kann.
Also betreibt man für teures Geld Markenpflege (ein Gutteil des ersparten Geldes fließt deshalb in die Werbung) und kann dann auf dem hiesigen Markt so richtig absahnen. Man stellt also zum Beispiel etwas für 10 Euro in Asien her und im Laden verkauft man es hier dann für 100 Euro.

2. Die Kontroll- und Vertriebskosten verschlingen Unsummen
Wer im Ausland herstellen lässt, muss jeden Produktionsschritt penibel überprüfen und weit mehr für die Qualitätskontrolle ausgeben als hierzulande.
Außerdem fallen weitere Kosten an für die Bekämpfung der Produktpiraterie, zur Umgehung landestypischer schikanöser Bürokratie, der Korruption, juristischer Fallstricke usw.
Hinzu addieren sich noch die Aufwendungen für den Transport, Transportversicherungen, eventuelle Vertragsstrafen für Terminüberschreitungen, notwendige Schmiergeldzahlungen, Dolmetscher usw.

3. Lange Schifffahrtswege stören den Vertrieb
Eine Produktion in Fernost bedeutet schließlich auch erhebliche Nachteile beim Vertrieb. Weil es fast drei Monate dauert, bis Ware in Hamburg anlandet, funktioniert die Belieferung der Händler häufig unzureichend. Durch dieses Handicap verliert der Unternehmer nicht nur Marktanteile - auch die Endkunden leiden darunter (lange Wartezeiten und schlechte Lieferbarkeit dringend benötigter Waren).
Noch schlimmer wird es, wenn durch unzuverlässige Fernab-Produktion die Endmontage der Geräte ins Stocken gerät.
Die gesamte Wirtschaft wird also durch die komplexe "
internationale Arbeitsteilung" ausgebremst.

4. Die Sozialkosten schießen in die Höhe!
Wegen des Exports von Arbeitsplätze verzeichnen wir in Deutschland allein sechs Millionen Alg-I und Alg-II-Bezieher - abgesehen von Millionen weiterer Erwerbsloser, die keinerlei staatliche Unterstützung erhalten und Millionen aus den Arbeitslosen-Statistiken verdrängten Frührentnern und Altersteilzeitlern, Umschülern, Gratis-Praktikanten usw.
Auch diese Folgekosten der Produktionsauslagerung müssen natürlich irgendwie umgelegt werden, sie verringern die Nettoeinkommen und damit die Kaufkraft.

5. Das bei den Löhnen eingesparte Geld landet häufig in den Taschen der Spekulanten...
Weniger Geld bei den Erwerbseinkommen der Arbeitnehmer und Selbständigen - dafür ein steiler Anstieg bei den Kapitalerträgen. Abermillionen Spekulanten und Investmentbanker verdienen sich im globalen Spielkasino dumm und dämlich.
Im Grunde handelt es sich bei dieser Umverteilung um Geld, was der arbeitenden Bevölkerung vorenthalten wird und letztlich auch dazu beiträgt, dass die allgemeine Kaufkraft sinkt.
Dabei erweist sich diese Umleitung der Geldströme für den wirtschaftlichen Ablauf als katastrophal: Der gesunde Geldkreislauf ist gestört - einer steten Erhöhung der Produktivität steht die nachlassende Kaufkraft gegenüber. Ein Teufelskreis, der ins Verderben führt!

6. Das unkontrollierbare globale Dumpingsystem führt immer wieder zu Spekulationsblasen!
Wie im vorigen Absatz erläutert, führt der unkontrollierbare Freihandel von Waren, Dienstleistungen und Finanzen naturgemäß immer wieder zu heftigen Spekulationsblasen. Diese Spekulationsblasen sind langfristig pures Gift für die betroffenen Volkswirtschaften, weil sie naturgegebene wirtschaftliche Abläufe behindern. Häufig sind die unbedarften Kleinanleger wieder einmal die Dummen. Wenn es ganz arg kommt, muss gar der Staat (also der Steuerzahler) für den angerichteten Schaden aufkommen.

Die sechs obigen Punkte sollen veranschaulichen, warum die scheinbaren Billigimporte den Hochlohnländer in Wirklichkeit sehr teuer kommen. Die Schreckensbilanz der realen Lohnentwicklung ist also kein Trugschluss - es lässt sich durchaus erklären, wo das Geld bleibt und wieso die Billigimporte uns letztlich schaden.

Um es noch einmal abschließend in einem Satz auszudrücken: Die Folgekosten für die organierte Ausbeutung der Arbeitssklaven in den Billiglohnländern sind ungleich höher als die direkte Einsparung bei den Arbeitskosten. Das globale Dumpingsystem ist somit ineffzient.

Dabei blieben im obigen 6-Punkte-Katalog sogar wesentliche Begleitumstände unberücksichtigt. Zum Beispiel verursacht der überflüssige Warentourismus gravierende Folgeschäden (nachhaltige Umweltbelastung, Klimaveränderung, Krankheiten, Todesfälle). Eine lückenlose Bilanzierung würden den Wahnsinn der Globalisierung noch weit mehr verdeutlichen.

 

"Unseren hohen Wohlstand verdanken wir zumindest zum Teil der Ausbeutung der Billiglohnländer!"
Wer so dumm daherredet stellt die tatsächlichen Gegebenheiten auf den Kopf.
Die Bevölkerungen der "reichen" Länder sind die großen Leidtragenden des globalen Dumpingwettbewrbs. Gewinner sind nur die Firmen, Mitarbeiter, Investoren und Spekulanten, die aus diesem perversen Ausbeutungssystem ihren Nutzen ziehen.

 

Home (Eingangsseite www.globalisierung-welthandel.de)

Eine Abhandlung über die Vorteile der Globalisierung finden Sie hier.

 

Weiterführende Texte zu diesem Thema:

Ist die Globalisierung unser Ruin?

Die wahren Hintergründe der Bankenkrise!

 

Unbequeme Wahrheiten - worüber man nicht spricht...

Das kapitalistische Ermächtigungsgesetz...

Aber Deutschland lebt doch vom Export...

Rettungsanker Bildungsoffensive?

Der überforderte Sozialstaat

Warum sinken seit 1980 die Reallöhne?

Was könnte man tun?

Kann uns der Subventions-Protektionismus wirklich retten?

Lässt sich die Globalisierung wieder abschalten?

Gleicher Lohn in aller Welt?

Ist eine Mehrwertsteuererhöhung unsozial?

Staat, Recht und Moral am Beispiel des Konjunkturprogramms...

Impressum 

© Manfred J. Müller, Flensburg


Manfred Julius Müller analysiert seit 30 Jahren weltwirtschaftliche Zusammenhänge und veröffentlichte unzählige Aufsätze zu den verschiedensten Themen. Er entwickelte neue Wirtschaftstheorien, die weltweit neue Maßstäbe setzten und in manchen Ländern in wichtigen Bereichen bereits die Gesetzgebung beeinflussten. Inzwischen sind auch vier Bücher erschienen: "Die Kultivierung des Kapitals", 2001, "Anti-Globalisierung. Zurück zur Vernunft!", 2002, "Das neue Wirtschaftswunder. Die Entmachtung des globalen Dumpingsystems", 2005, "Das Kapital und die Globalisierung", 2008.