Die Gewinner und Verlierer der Globalisierung

Wer sind die Gewinner, wer die Verlierer der Globalisierung? Schon oft ist versucht worden, diese Fragen zu beantworten - wobei aber die Ansichten weit auseinanderklaffen.

 

Die Gewinner der Globalisierung sind weit verstreut und finden wir in allen Kulturkreisen.

Es sind als Unternehmen vor allem die Global Player, die von der Globalisierung profitieren. Ihr simples Erfolgskonzept lautet schlicht und ergreifend: In den führenden Industriestaaten neue Produkte entwickeln, diese dann für wenig Geld in Asien, Südamerika oder Osteuropa herstellen lassen, um sie letztlich für viel Geld wieder in den Hochlohnländern abzusetzen. Dieses Prinzip versprach bislang höchste Renditen. Besonders erfolgreich waren hierbei Markenartikler, die aufgrund ihres Images eine Art Monopolstellung genießen.

Aus dieser Situation der Global Player heraus entwickelten sich für eine kleine Oberschicht sagenhafte Verdienstmöglichkeiten. An der Spitze der Globalisierungsgewinnler stehen die Manager der Konzerne, die professionellen Devisen- und Aktienspekulanten, die Investmentbanker usw.
An nächster Stelle folgen die Organisatoren der Produktionsverlagerungen, der Logistik, der Produktentwicklung, des Auslandsvertriebs usw. Die immensen Gewinnspannen vieler Global Player (Motto: so billig wie es geht im Ausland produzieren, so teuer wie möglich im Hochlohnland verscherbeln) erlauben Traumgehälter für gesuchte Spezialisten.

Ohne Zweifel gibt es auch in den boomenden Schwellenländern inzwischen eine große Schar von Nutznießern "der internationalen Arbeitsteilung". Vor allem viele Führungskräfte in den neuen Fabriken haben es zu einem beachtlichen Wohlstand gebracht.

Auf der untersten Stufe der vermeintlichen Globalisierungsgewinnler stehen die letzten verbliebenen Fabrikarbeiter in den Hochlohnländern, die noch Massenprodukte herstellen. Diese Mitarbeiter exportorientierter Firmen glauben allen Ernstes, durch die Globalisierung ihren Arbeitsplatz gerettet zu haben und weiter erhalten zu können. Sie glauben es, obwohl sich ihre realen Nettolöhne in den letzten drei Jahrzehnten deutlich verschlechtert haben.
Tatsächlich hatten sie bislang noch großes Glück, denn trotz ständiger Zugeständnisse bei den jährlichen Lohnverhandlungen sind die meisten anderen Industriebereiche längst untergegangen.
Dieses traurige Schicksal wird jedoch auch noch die letzten deutschen Produktionsbasen ereilen (falls nicht doch noch der globale Dumpingwettbewerb über
Zollanhebungen oder Mehrwertsteuerhöhungen beendet wird).
Die von den Globalisierungsgewinnlern geschürte Hoffnung, die verbliebenen Exportbranchen (Auto- und Maschinenbau, Chemie, Pharmazie) könnten die durch die
ausgestorbenen Industriebereiche erlittenen Verluste ausgleichen, hat sich derweil aber längst zerschlagen.

Ebenso zweifelhaft erscheint der Nutzen für die zigmillionen einfachen Fabrikarbeiter in den Billiglohnländern. Nur langsam keimt in der breiten Masse ein wenig Wohlstand auf, der aber oft sehr teuer über unmenschliche Arbeitsbedingungen erkauft wird.
In Heft 40/2009 berichtet der Spiegel über jugendliche Näherinnen in Bangladesch, die im wahrsten Sinne des Wortes bis zum Umfallen arbeiten müssen (ca. 70 Stunden die Woche), bei Fehlern oder Müdigkeit von den Vorgesetzten geschlagen werden und im ganzen Monat lediglich 30 Euro verdienen (diese Summe langt gerade einmal zum Überleben). Es wäre mehr als zynisch, solche Ausgebeuteten auch noch als Gewinner der Globalisierung feiern zu wollen.

 

 

Welches sind die Verlierer der Globalisierung?

Wollte man tatsächlich eine vollständige Liste der Verlierer der Globalisierung aufstellen, so würde man damit ein ganzes Buch füllen können.

Nehmen wir einfach mal den "Exportweltmeister" Deutschland als simples Beispiel:

Hier muss man mindestens 90 % der Bevölkerung zu den Verlierern zählen. Es sind im Einzelnen:
Alle Normalverdiener - denn ohne den globalen Dumpingwettbewerb (wenn es wie früher Zölle geben würde) wären die realen Nettolöhne etwa doppelt so hoch wie sie es heute sind (und die Arbeitsplätze wären sicherer).
Mehr dazu...

Alle Zeitarbeiter, Geringverdiener, Minijobber, Ein-Euro-Jobber, Praktikanten, Arbeitslose, Kurzarbeiter, Vorruheständler usw.. Deren Situation wäre in einem intakten Binnenmarkt (der Billigimporte über Zölle verteuert) wesentlich besser. In einem intakten Binnenmarkt herrscht Vollbeschäftigung (wie in der BRD bis spät in die 70er Jahre hinein) - schlecht bezahlte Jobs würde niemand annehmen.

Des weiteren würden selbstverständlich auch die Rentner von einem Ausstieg aus der Globalisierung profitieren. Die Renten sind an die Einkommensentwicklung der Arbeitnehmer gekoppelt - steigen die Löhne, so steigen auch die Renten.

Lust but not least muss man auch noch einige Millionen kleine und mittelständische Unternehmer und Landwirte als Verlierer benennen, die den ungleichen Bedingungen des globalen Wettbewerbs nicht gewachsen waren (weil sie nicht über die Kapitalmacht der Konzerne verfügten) und beim aussichtslosen Überlebenskampf nicht nur ihre Existenz, sondern oft auch ihr gesamtes Vermögen (Fabrik, Haus und Hof) verloren.

Verlierer im engsten Sinne sind ebenso alle Kapitalanleger, die durch die undurchschaubaren globalen Machenschaften Verluste davontrugen. Manche dieser Leute sind an ihrem Desaster sicher nicht ganz unschuldig, weil sie zu spekulativ oder gutgläubig gehandelt haben.
Aber vor der Globalisierung waren die Anlagemöglichkeiten solider und verständlicher, es gab kaum trügerische Verlockungen aus dem Ausland und das normale Sparbuch oder der Schatzbrief warfen vernünftige Renditen ab (so dass man auf ausländische Investments gar nicht angewiesen war).

Nicht zu vergessen: Auch der Staat und das Gemeinwesen sind als solches Verlierer der Globalisierung. Ausufernde Haushaltsdefizite und Staatsschulden, kaum beherrschbare globale Spekulations- und Wirtschaftskrisen, unkontrollierbare Finanzmärkte - der globale (weitgehend zollfreie) Markt erweist sich immer wieder als direkter Weg ins Chaos.
Weil eben das Grundprinzip bereits chaotisch und höchst ungerecht angelegt ist - wenn Stundenlöhne von 10 Cent und 10 Euro ungebremst aufeinanderprallen, kann das auf Dauer niemals gutgehen.

 

Auch in den Entwicklungs- und Schwellenländern gibt es Verlierer zuhauf...
Nicht nur ca. 95 % der Menschen in den Hochlohnländern zählen zu den Verlierern, selbst in den Entwicklungs- und Schwellenländern überwiegen die Verlierer.
Viele Entwicklungsländer werden von Billigimporten aus Fernost regelrecht überschwemmt - ihre traditionelle Eigenversorgung geht mehr und mehr verloren. Dieser Trend lässt die Massenarbeitslosigkeit in vielen Entwicklungsländern weiter ansteigen - die Chance für einen eigenständigen industriellen Aufbau geht verloren.

Selbst die Billiglohnländer, die für ausländische Preisdrücker in Akkord Kleider nähen oder andere Waren herstellen dürfen, wäre ohne die viel beschworene "internationale Arbeitsteilung" oft besser dran.

 

Auch ohne Globalisierung können Entwicklungsländer aufsteigen...
In unserer vom Kapital dominierten Gesellschaft versucht man immer wieder den Eindruck zu erwecken, dass Entwicklungsländer nur aufsteigen können, wenn Sie sich den Bedingungen der Globalisierung unterwerfen und die ausbeuterischen Dumpinglöhne der Global Player akzeptieren.
Dabei hat es aber auch vor der Globalisierung genug Staaten gegeben, die nahezu aus eigener Kraft den Aufstieg schafften - durch eine kluge Bildungs- und Wirtschaftspolitik, durch den Aufbau eines ordentlichen Verkehrsnetzes, Bekämpfung der Korruption usw. Warum soll das heute nicht mehr möglich sein.

Zudem wären ohne Globalisierung (ohne den globalen Dumpingwettbewerb) die Staatskassen der Hochlohnländer prall gefüllt - da wäre es ein Leichtes, in unterentwickelten Staaten echte Aufbauhilfe zu leisten (zum Beispiel nach dem Erfolgsrezept des Marshallplans).

 

Zahlenbilanz:
Großzügig geschätzt scheinen mir von den knapp sieben Milliarden Erdenmenschen bestenfalls 10 Prozent (also 700 Millionen) zu den Gewinnern der Globalisierung zu zählen. Alle anderen profitieren nicht von der Globalisierung oder gehören sogar eindeutig zu den Verlierern.
Würde man endlich eingestehen, dass auch ohne Globalisierung eine Industrialisierung unterentwickelter Staaten möglich wäre, sähe die Negativbilanz noch düsterer aus: dann wären über 95 % der Weltbevölkerung als eindeutige Verlierer einzustufen.

 

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Manfred Julius Müller analysiert seit 30 Jahren weltwirtschaftliche Zusammenhänge und veröffentlichte unzählige Aufsätze zu den verschiedensten Themen. Er entwickelte neue Wirtschaftstheorien, die weltweit neue Maßstäbe setzten und in manchen Ländern in wichtigen Bereichen bereits die Gesetzgebung beeinflussten. Inzwischen sind auch einige Bücher erschienen, u. a. "Das Kapital und die Globalisierung".